Stresstests: Strukturierte Expertenschätzungen als Quelle von Szenario-Betrachtungen
Stresstests: Strukturierte Expertenschätzungen als Quelle von Szenario-Betrachtungen
1. Erfahrungen aus der Finanzmarktkrise und Konsequenzen für das Risikocontrolling
Mit der Finanzmarktkrise hat die Kreditwirtschaft seit langer Zeit Ereignisse erlebt, wie sie in der jüngeren Vergangenheit nicht vorgekommen sind. Risikomessverfahren, welche auf empirischen Daten beruhen sind in diesem Zusammenhang klar an ihre Grenzen gestoßen. Dies betrifft Ausfall-, Spread-, Liquiditäts- als auch andere Marktpreisrisiken in gleicher Weise. Statistische Modelle können lediglich Ereignisse abgreifen, wie sie in ähnlicher Weise bereits einmal eingetreten sind.
In diesem Zusammenhang wird klar, dass es für das Risikomanagement wichtig ist, parallel zu diesen Systemen auch andere Möglichkeiten in die Betrachtung einzubeziehen – das undenkbare zu denken.
Die Bundesbank formulierte diese Erfordernis bereits im Jahr 2007 wie folgt: „Ein Modell kann ein fundiertes Risikomanagement nicht ersetzen. [..] Die Nutzer der Modellergebnisse müssen deshalb ausreichendes Verständnis für die Grenzen der Prognosefähigkeit der Modelle haben und ihre Entscheidungen auch auf zusätzliche Informationen, Analysen und ergänzende Verfahren (wie etwa die Analyse von Stressszenarien) stützen.“
In der Steuerung können somit zwei Welten unterschieden werden – rein quantitative Riskomessverfahren und qualitative Vorgehensweisen.

Abbildung 1: Statistische vs. qualitative Risikobewertungsmodelle
In der Regel liefern quantitatative Modelle eine hohe Objektivität, da die Ergebnisse mathematisch-statistisch nachvollziehbar und somit berechenbar sind. Gleichzeitig kann dieser Vorteil als einer der größten Kritikpunkte gesehen werden: Die Vermittlung einer vermeintlichen Sicherheit, welche es im Bezug auf Risiken nie geben kann.
Die dem gegenüberstehenden qualitativen Verfahren beruhen in aller Regel überwiegend auf subjektiven Einschätzungen. Sie sind daher mit Annahmen verbunden, deren Grundlagen immer in Frage gestellt werden können und auch sollten. Betrachten wir die Risikodefinition, wird klar, dass dieser Konflikt nicht vollständig aufgelöst werden kann: Risiken resultieren aus einem unvollständigen Informationsstand und der damit verbundenen Unsicherheit über zukünftige Ereignisse. Letztere können nach heutigen Erkenntnissen weder mit quantitativen, noch mit qualitativen Verfahren vollständig antizipiert werden. Diese Sichtweise liefert auf den ersten Blick einen guten Grund, die Risikomessung und -steuerung sofort einzustellen. Auf den zweiten Blick entspräche es der Empfehlung, jedem Autofahrer von einem Fahrsicherheitstraining abzuraten.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| C-6_Stresstests_Andreas Wenzel & Daniel Storch.pdf | 551.08 KB |




