Glücksforschung
1 Einleitung
Seit vor gut zehn Jahren auch Ökonomen und Psychologen begonnen haben, sich für Fragen der Glücksforschung verstärkt zu interessieren, nahm dieses Forschungsfeld einen einzigartigen Aufschwung. In der Ökonomie gehört dieses Themenfeld mittlerweile zu den Topthemen, die in den international führenden Journals des Faches diskutiert werden.[1] In der Psychologie wurde 1998 sogar ein neuer Forschungszweig, die „Positive Psychologie“ von führenden amerikanischen Psychologen (u.a. von Martin Seligman) gegründet.[2] Neuerdings haben die Erkenntnisse der Glücksforschung auch in der Politik und in der Managementlehre Einzug gehalten. So hat etwa der Harvard Business Review im Dezember 2007 die zwischenmenschlichen Beziehungen als wesentlichen Faktor des Unternehmenserfolgs aufgegriffen[3] und Bundespräsident Horst Köhler seine Berliner Rede vom 1. Oktober 2007 unter das Thema:
„Das Streben der Menschen nach Glück verändert die Welt“
gestellt. Internationale Organisationen wie die OECD sowie die EU-Kommission und das EU-Parlament denken derzeit intensiv darüber nach, wie gesamtwirtschaftlicher Fortschritt gemessen werden kann.[4] Das Bruttoinlandsprodukt ist dafür nicht (mehr) der geeignete Indikator. Vor Kurzem unterzeichnete der 27-jährige König von Buthan, Jigme Khesar Namgyel, die erste Verfassung des Landes. Darin ist u.a. festgehalten, dass die Regierung das „Bruttosozialglück“, das heißt die Zufriedenheit der Bürger maximieren muss. Aristoteles hat es bereits vor langer Zeit treffend formuliert: “Glück ist das letzte Ziel menschlichen Handelns.”
2 Ergebnisse der Glücksforschung
Ausgangspunkt für die Glücksforschung ist die Erkenntnis, dass Menschen nach Glück streben und dass das oberste Ziel des Menschen Glück (oder Zufriedenheit, also weit mehr als bloße Einkommenserzielung) ist. „Glück ist, wenn wir uns gut fühlen, und Elend bedeutet, dass wir uns schlecht fühlen.“, so Richard Layard von der London School of Economics. Als unveräußerliches Recht wurde das menschliche Streben nach Glück - „Pursuit of Happiness“ - 1776 in der US-Verfassung verankert. Das innerweltliche Streben nach Glück in einer säkularen Gesellschaft wurde neben Freiheit, Gleichheit, Bildung und Eigentum zum Leitwort der bürgerlichen Revolution.
2.1 Wie wird Glück gemessen?
Jeder Mensch hat eigene Vorstellungen von Glück und das beobachtete Verhalten ist kein ausreichender Indikator für das persönliche Wohlbefinden. Dennoch lässt sich Glück erfassen und analysieren: Menschen können gefragt werden, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. So werden in umfangreichen Studien die Befragten gebeten, ihre Lebenszufriedenheit allgemein bzw. ihre Zufriedenheit in unterschiedlichen Lebensbereichen (Gesundheit, Arbeit, Haushaltseinkommen, Lebensstandard, Freizeit, Wohnung, Angebot von Waren und Dienstleistungen, Umweltzustand) zu bewerten.
Einer der am häufigsten verwendeten Datensätze ist das Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) in Deutschland. Im SOEP wird seit Mitte der 80er Jahre ein für die Gesamtbevölkerung repräsentativer Querschnitt an Haushalten (präziser: die einzelnen Mitglieder dieser Haushalte) jährlich u.a. zu ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Die allgemeine Lebenszufriedenheit wird hier mit folgender Frage ermittelt: „Zum Schluss möchten wir Sie noch nach Ihrer Zufriedenheit mit Ihrem Leben insgesamt fragen. Antworten Sie bitte wieder anhand der folgenden Skala, bei der „0“ ganz und gar unzufrieden und „10“ ganz und gar zufrieden bedeutet. Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem mit Ihrem Leben?“ Das SOEP liefert somit eine gute Basis, um die Einflüsse einzelner Faktoren wie das Eintreten von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Trennungen, usw. auf die Lebenszufriedenheit abzuschätzen. So verringert etwa Arbeitslosigkeit die Lebenszufriedenheit eines durchschnittlichen Individuums in Deutschland um 0,626 Skalenpunkte auf der 10-Punkte-Skala. Eine feste Beziehung hat hingegen einen positiven Einfluss (+ 0,294 Skalenpunkte).[5] Die allgemeine Lebenszufriedenheit in Westdeutschland ist von 1991 bis 2007von 7,4 auf 6,9 Skalenpunkte abgesunken. In Ostdeutschland lagen die Werte während dieser Zeit immer unter den westdeutschen. 2007 betrug die Differenz 0,5 Skalenpunkte.
[1] Zu einem Literaturüberblick siehe Clark, A., Frijters, P., Shields, M., Relative Income, Happiness, and Utility: An Explanation for the Easterlin Paradox and Other Puzzles, in: Journal of Economic Literature, Vol. 46/1, March 2008, S. 95-144.
[2] Eine lehrbuchmäßige Darstellung der Positiven Psychologie findet sich in Snyder, C.R., Lopez, S.J., Positive Psychology – The Scientific and Practical Explorations of Human Strengths, Thousand Oaks (USA) et al. 2007.
[3] Harvard Business Review, Making Relationships Work: A Conversation with Psychologist John M. Gottman, December 2007.
[4] Siehe hierzu insbesondere die Studie von Stefan Bergheim, Die breite Basis gesellschaftlichen Fortschritts, Deutsche Bank Research, Aktuelle Themen 426, 18.8.2008. In den letzten Jahren hat die Deutsche Bank Research schon mehrfach Studien zur Glücksforschung veröffentlicht.
[5] Rätsel, S., Ökonomie und Glück – zurück zu den Wurzeln?, in: Wirtschaftsdienst, 87. Jg. (2007), S. 341-343.